mit keir starmer in der badewanne
- eine feministische kritik an “adolescence”
hinweis: folgender text ist eine feministische kritik an der serie «adolescence» - in welcher es um feminizid und geschlechtsspezifische gewalt geht. pass beim lesen auf dich auf und lies den text im zweifel lieber nicht. ausserdem enthält der text spoiler. falls du noch later zur party kommst als ich und die serie lieber unvoreingenommen kucken willst (was ich dir nicht empfehle), empfehle ich dir, den text erst danach zu lesen.
weihnachten ist gerade so vorbei gewesen, als ich in der badewanne sass und es noch vor jahresabschluss geschafft habe, die als «must-watch» des jahres gehypte serie «adolescence» zu kucken. immerhin habe ich genug badezusätze geschenkt gekriegt um mich in angemessener privatheit und zurückgezogenheit vom patriarchat zu erholen. ich hatte mir auch fest vorgenommen, das für einmal zu tun: meine wut privatisieren und sie zusammen mit meinen zehen in wohlduftendem badewasser schrumplig werden lassen. dummerweise hat mich irgendetwas dazu getrieben dabei «adolescence» kucken zu wollen. also sagen wir wie’s ist: ich bin frustriert, dass alle «adolescence» gut finden und muss das jetzt so lange ins internet hinausschreien, bis sich der premierminister der united kingdom keir starmer persönlich bei mir entschuldigt.
wenn dieser essay nicht einfach eine ausgeburt von einem faulen tag, einem hyperfokus und viel prokrastination wäre sondern stattdessen ein mit geld finanzierter, fundierter meinungsartikel in der grossen überregionalen zeitung deines vertrauens, hätte ich wohl folgendes gemacht:
ich hätte mit expert:innen zu online-radikalisierung gesprochen. ich hätte mit menschen die noch chronischer online sind als ich gesprochen. und finally: ich hätte sehr (sehr, sehr, sehr) gerne mit jugendlichen gesprochen. ja, vielleicht hätte ich sogar diesen essay auch in einer co-autor:innenschaft mit einer jugendlichen person verfasst. oder die autor:innenschaft ganz abgegeben (oder so).
dummerweise sitze ich einfach mit einem hyperfokus im bett, höre musik von leila[1]und krieg kein geld dafür, dass ich aufklärungsarbeit im internet (und an familien-festen) mache. trotzdem würde ich behaupten, dass ich ein bisschen gelebte erfahrung mit der sogenannten adoleszenz habe. laut world health organisation (who) geht diese so genannte phase zwischen kindheit und erwachsenenalter bis zum neunzehnten lebensjahr.[2]obwohl ich da schon länger nicht mehr dazu zähle, schliessen mich laut wikipedia die meisten definitionen von jugend noch bis kommenden frühling mit ein (ich bin zum jetztigen zeitpunkt genau 25 jahre alt[3]– spätestens mein geburtstag ist dann also meine persönliche deadline, diesen essay zu veröffentlichen.) ausserdem habe ich als trans* person das seltene privileg, bis jetzt habe fast zwei drittel meines lebens mit pubertieren verbracht zu haben und gedenke mich auch in den kommenden jahren weiter intensiv damit auseinanderzusetzen. ich bin also zwar nicht unbedingt die geeignetste person um darüber zu sprechen, was die serie alles falsch macht – aber definitiv geeigneter als keir starmer. und das ist ja schon mal ein anfang.
worum es überhaupt geht und andere spoiler
«adolescence» ist eine mini-serie mit vier folgen à je ca. 50min spieldauer die im frühjahr 2025 als netflix-original veröffentlicht wurde. in der serie geht es um den dreizehnjährigen weissen[4]knaben jamie (gespielt von owen cooper[5]) der seine mitschülerin katie mit mehreren messerstichen ermordet hat. die serie folgt dabei in der ersten episode am tag nach der tat zuerst detective inspector (di) luke bascombe (gespielt von ashley walters) und detective superintendent (ds) misha frank (gespielt von faye marsay) bei der verhaftung und dem verhör von jamie. in der zweiten episode, die drei tage nach der tat spielt, liegt mehr fokus auf katies und jamies mitschüler:innen – die zuschauenden erleben dabei wie di bascombe und ds frank in katies schule gehen und versuchen nach hinweisen zu forschen. die dritte episode spielt dann bereits sieben monate nach der ermordung von katie und wir sehen dabei die weisse psychologin briony ariston (gespielt von erin doherty) bei der gerichtlichen begutachtung von jamie – die ganze episode ist ein gespräch zwischen den beiden. in der vierten und letzten episode dann begleiten wir jamies familie – mit einem starken fokus auf seinem vater eddie (gespielt von stephen graham). dieser hat dreizehn monate nach der tat und jamies verhaftung geburtstag und wir sehen die schwierigkeiten, die die familie hat, die tat einzuordnen und einen umgang im täglichen leben damit zu finden.
besonders betont wird dabei in allen kritiken, die ich so lesen konnte jeweils, dass die einzelnen folgen in einem one-shot – also ohne schnitt und am stück – gedreht wurden. das ist natürlich (auch aus einer schauspielerischen perspektive – especially auch die leistung von owen cooper als jamie) extrem beeindruckend und auch gut gemacht und so. find ich wirklich auch. und eh, ich möchte hier auch nicht falsch verstanden werden: die serie macht auch viel gut, hat krasse sogwirkung, ist beeindruckend und schmerzhaft anzukucken, der cast ist grossartig (ich mag sehr fest den vibe von ashlay walters und faye marsay als cops und fatima bojang als schülerin jade ist auch einfach beeindruckend in der bandbreite an emotionen, die sie spielt) etc. allerdings wurde die serie so fest in den himmel hinaufgelobt im letzten jahr, dass ich jetzt kurz vor jahresende nochmals bisschen partypooper sein muss. ausserdem nervt mich die serie selbst weniger fest, als der fakt, dass alle die serie unkritisch gut finden – und deswegen beschränke ich mich für diesen essay[6]erstmal auf die dinge die ich scheisse finde. um gute laune zu verbreiten hatte ich echt zu viel weihnachten und zu wenig heisse bäder in letzter zeit.
le hype
ich schreibe, dass «alle die serie unkritisch gut finden» und meine damit: alle finden die serie unkritisch gut. ich habe etwa eine stunde lang nach kritiken gegooglet und dabei auch explizit nach schlechten kritiken gegooglet (einfach um diesen essay auch möglichst biased schreiben zu können) – mitunter die kritischste kritik die ich gefunden habe war eine von annette scharnberg auf srf.[7]und srf ist nunmal echt nicht für feministische radikalität bekannt. auch eine kurze prägnante (und tatsächlich kritische) kritik liefert die jugendredaktion von funky.[8]betonen möchte ich natürlich auch, dass ich viele artikel aufgrund von paywall nicht lesen konnte[9] – würde behaupten, dass der tenor aber relativ eindeutig ist.[10],[11],[12],[13],[14]die bbc ist da mit mir zudem auch einer meinung[15] – was die tage auch immer seltener passiert. und sogar die fucking taz ignoriert für einmal feministische sichtweisen und nennt die serie «meisterwerk».[16]ach ja und dann ist da ja noch der mann, der bereits zu beginn dieses essays zwei anspielungen einstecken musste: keir starmer. der britische premier hat die serie öffentlich gelobt und es begrüsst, dass netflix «adolescence» schulen gratis für screenings zur verfügung stellt.[17]aber auch bedeutend (!) kompetentere (und sympathischere) personen als der britische premier fanden die serie gut. z.b. meine mutter.
eine erste feministische einschätzung: not even the bare minimum
das ich die serie ein bisschen shite finde hat zwei hauptgründe: erstens feminismus. zweitens ein verzerrtes bild von adoleszenz. fangen wir mit feminismus an – und zwar mit einer feststellung die ich gerne so unkommentiert stehen lassen würde (nur um sie dann doch zu kommentieren, weil ich meine klappe eh nicht halten kann).
eine insgesamt ca. 200 minütige serie, die sich im kern um feminizid dreht, schafft es nicht mal den fucking bechdel-wallace test[18]zu bestehen.
damit sollte alles gesagt sein. und jetzt erkläre ich, was damit alles gesagt sein sollte:
der bechdel-wallace test ist eine hilfestellung die von alison bechdel und liz wallace eingeführt wurde um eine erste einteilung dazu, ob ein film sexistisch ist oder nicht zu vereinfachen. dabei müssen nur drei fragen beantwortet werden:
- gibt es in einem film mindestens zwei frauenrollen?
- reden sie miteinander?
- unterhalten sie sich über etwas anderes als einen mann?
die idee ist, dass nur wenn alle drei fragen mit ja beantwortet werden können, ein film überhaupt als sehenswert in betracht gezogen wird. natürlich schliesst dieser film auch ein paar filme aus, die nicht zwingend sexistisch sind. und umgekehrt ist ein film noch lange nicht nicht sexistisch, nur weil er den test besteht. es handelt sich also eher nach einem tool für eine erste einschätzung.
und meine erste einschätzung ist wie gesagt, dass «adolescence» sexistisch ist. also nicht nur misogynie als thema behandelt, sondern diese auch reproduziert. das ist by the way nicht nur meine erste einschätzung, sondern auch meine zweite und dritte – aber dazu gleich mehr.
die ersten zwei fragen können wir guten gewissens mit ja beantworten: es gibt mehrere frauenrollen und sie unterhalten sich. top. ich hab als ehrenamtliche feministin mal die bürde auf mich genommen und rausgeschrieben, wann sich in der serie zwei frauen unterhalten. dass das nicht oft vorkommt, ist mir schon beim ersten mal schauen aufgefallen. ich hab mir hierbei erlaubt, die regel ein wenig zu erweitern: die zwei frauen, die sich unterhalten müssen sie ungestört von männern unterhalten bzw. nicht mit einem mann ein gespräch führen. weil: es gibt in der serie immer wieder momente in denen z.b. di bascombe und ds frank sich mit einer schülerin oder einer lehrerin unterhalten(e02). da hat aber erstens immer der mann (di bascombe) als vorgesetzter das sagen und zweitens geht es in den verhör situationen eigentlich fast immer in irgend einer form um jamie. ähnliches gilt für die konstellation in denen sich die familie von jamie unterhält. die mutter manda miller (gespielt von christine tremarco) und deren tochter lisa miller (gespielt von amelie pease) haben fast keine szene in der sie sich ungestört über etwas anderes als einen mann unterhalten. wenn männer anwesend sind, liegt die gesprächsführung ganz klar bei ihnen. mit einer ausnahme: in episode zwei unterhält sich bei 13min46 ds frank mit mrs. fenumore von der schule, während di bascombe hinterherdackelt. dass er sich nicht am gespräch beteiligt hat aber hauptsächlich damit zu tun, dass er gerade abgelenkt ist. es wird sich dabei darüber unterhalten, dass vor einiger zeit ein feuerwerk in einem schulzimmer gezündet wurde und welche polizist:innen dann im einsatz waren. das geschlecht der beteiligten wird jetzt nicht explizit genannt – aber ehrlicherweise spricht vieles dafür, dass entweder bei den brandstifter:innen oder den polizist:innen männer dabei waren. ausserdem dauert die szene nur 15 sekunden bevor sich mrs. fenumore umdreht und di bascombe aus seiner abgelenktheit reisst. ich hab mir jetzt also erlaubt diesen wortwechsel geflissentlich als statistische unschärfe zu ignorieren.
in der folge hab ich mich dann nur noch auf szenen konzentriert, in denen kein mann anwesend ist. davon gibt es drei und ich fange aus dramaturgischen gründen hinten an:
in der letzten folge unterhalten sich manda und lisa ab 8min30 für ganze ungestörte zwei minuten über jamie, billy (offenbar lisas love interest) und den vater und ehemann eddie miller. fairness halber muss ich eingestehen, dass sie sich nicht nur über eddie unterhalten, sondern auch über dessen van und wie wichtig ihm sein van ist. lisa soll in einem ein bisschen hilflosen versuch wohl als selbstständig dargestellt werden als sie auf die frage ihrer mutter, ob billy auch gut zu ihr schaue antwortet «i’m looking after myself.» dann wird das gespräch unterbrochen als eddie von unten schreit «mand, where’s that big sponge?». später unterhalten sich lisa und mand nochmals bei 37min45 ungestört für dreissig sekunden im van (nachdem eddie einen wutausbruch hatte und die familie erfährt, dass jamie auf schuldig plädieren wird – eddie stürmt darauf ins haus und lisa und mand bleiben zurück). der dialog ist in etwa:
lisa: is he gonna be alright?
manda: he’ll be allright. come on. come on.
und sie steigen aus.
gewagte these, ich weiss, aber ich hab das gefühl, sie reden über einen mann…
am weitaus vielversprechendsten ist also eine szene in episode zwei. bei 23min00 unterhalten sich (wahrscheinlich fremdsprachelehrerin – zumindest deutet das schulzimmer in die richtung) mrs. bailey (gespielt von hannah walters) mit der schülerin jade (gespielt von fatima bojang). das gespräch dauert auch ganze drei minuten. gut. perfekt. und weil wir glück haben, unterhalten sie sich auch erst nach aufgerundeten zwei minuten über den mitschüler ryan. wir haben bei 200min laufzeit zwar nur zwei minuten, die überhaupt in frage kommen den bechdel-wallace test zu bestehen, aber whatever. ganz klar feministischer film des jahres, also. aber wenn wir ein bisschen (aber auch nur ein bisschen) strenger sind, dann fällt auf, dass sich die ganze szene im kern auch wieder nur um männer dreht. es soll wohl dramaturgisch eine szene sein, die zeigt, welcher schmerz der tod von katie bei mitschüler:innen auslöst – allerdings kann dieser schmerz nur deshalb platz haben, weil a) kein mann im raum ist und b) jade sich diese screentime im wahrsten sinne des wortes erkämpfen musste. der grund weshalb jade sich überhaupt mit mrs. bailey unterhält ist, dass jade zuvor den mitschüler ryan (und freund von jamie) verprügelt hat. und obwohl dies in den ersten zwei minuten der szene nicht aktiv thematisiert wird, schwebt es natürlich als stimmung und handlungsstrang die ganze zeit im raum. zudem komme ich nicht umhin anzumerken, dass es bei jade um eine der wenigen Schwarzen figuren handelt – dass die wut von Schwarzen frauen so dargestellt wird, wie sie in der serie dargestellt wird, löst bei mir ungute gefühle aus. also nicht, dass eine Schwarze wütende frau gezeigt wird – sondern, dass die einzige wütende frau die gezeigt wird auch die einzige Schwarze frau ist, die gezeigt wird. ob jades gewalt gegenüber ryan geahndet wird, sei zudem an ryan zu entscheiden, sagt dann auch später in der szene mrs. bailey. die ganz kurze deutungshoheit die frauen zugestanden wird, wird ihnen also sofort wieder weggenommen – während sich di bascombe nie für sein autoritäres und gewaltvolles handeln verantworten muss. als er später in der folge (aufgrund von hinweisen seines sohnes) ryan verhaftet, ist er nämlich schon auch ziemlich brutal. und damit nicht genug: nur durch sein brutales vorgehen gesteht ryan überhaupt, dass jamie die tatwaffe von ihm hat.
ich entscheide also kraft meiner stellung als ehrenamtliche feministin, dass mir diese zwei minuten unter den gegebenen umständen nicht ausreichen und verurteile die serie «adolescence» dazu, dass sie den bechdel-wallace test nicht bestanden hat. und wie gesagt: der test ist das FUCKING BARE MINIMUM!!! wie kann mann den bitte einen film über misogynie drehen und dabei nicht mal den bechdel-wallace test bestehen? also sorry aber, ne! is ja nich so als hätte es keine möglichkeit gegeben auch mehrdimensionale frauenrollen zu schreiben. und bevor jetzt irgendwas erwiedern will: zur psychologin kommen wir dann schon auch noch.
(übrigens hat mich meine partnerperson darauf hingewiesen, dass es auch sehr fest ein weiblicher move in einem patriarchalen system ist, nicht einfach unkommentiert die behauptung «adolescence besteht den bechdel-wallace test nicht» in den raum stellen zu können, sondern diese auch noch viel zu ausführlich begründen zu müssen, weil sowieso kein mann zuhört bzw. das argument dann mit «aber es unterhalten sich ja frauen miteinander über etwas anderes als einen mann – das auto vom mann» oder so wegwischt. das meine essays immer so lange werden hat auch damit zu tun, dass ich alle einfallstore in meiner argumentation schon im vorhinein gut verschliessen will. gleichzeitig kann aber «le random cis-dude» eine behauptung aufstellen ohne irgendetwas beweisen zu müssen. meta-momo hat gesprochen.)
eine zweite feministische einschätzung: «katie isn’t important. jamie is.»
aber bevor wir dazu kommen, weshalb ich die psychologin nicht wirklich ein gegenargument finde, reden wir jetzt zuerst mal noch über meine absolute lieblingsszene in der serie. einfach weil sie sich so unglaublich toll selbst entblösst.
in episode zwei befinden sich di bascombe und ds frank immer noch in der schule. sie haben gerade herausgefunden, dass jamie von katie gemobbt und als incel bezeichnet worden sei. dann verlassen sie das gebäude, unterhalten sich ein wenig über schulzeit, darüber ob sie kinder wollen oder nicht und ds frank bestätigt dann di bascombe, dass er ein guter vater sein könne (juhuu, emotional work!). anschliessend schlägt ds frank vor, wieder zurück zum revier zu fahren und folgende unterhaltung[19]findet statt:
bascombe: you’ve hated being here, yeah? i get it. what’s up?
frank: it’s not even that, you know? [chuckles] do you know what i don’t like about this?
b: go on.
f: right, the perpetrator always gets the front line. «a man raped a woman.» [grunts, sighs] we’ve followed jamie’s brain around this entire case.
b: hmm. yeah.
f: right? katie isn’t important. jamie is. everyone will remember jamie. no one will remember her. that’s what annoys me. that’s what gets to me.
b: i think you’re wrong. i think we’re here for katie. we’re here for her parents. we’re here to get answers. it’s our job to understand why.
f: you can’t understand why. do you actually think you can? we’ve got the video. we know what he did. you’re not gonna know why, mate. look at all the things we’ve seen. you are not gonna know why. you just won’t.
b: okay, mish, look. go back to the station. i’m gonna talk to ryan one last time.
f: but you’ve spoken to ryan.
b: i know, but he’s… he’s not saying something. i know there’s more. you coming or not?
worauf bascombe einfach davon läuft und frank ihm widerwillig und einem «for fucks sake.» folgt. danach gehen sie ins klassenzimmer wo ryan unterrichtet wird und bitten ihn zu sich. ryan klettert aus dem fenster und rennt davon. di bascombe hinterher. es gibt eine verfolgungsjagd, ryan versucht über einen zaun zu klettern, bascombe hält ihn fest und zieht ihn zurück. später packt er ihn am oberarm und schüttelt ihn und schreit ihm aus nächster nähe ins gesicht. und erst darauf gesteht ryan, dass das messer, das jamie benutzt hat von ihm stammt.
was dabei im plot schon angelegt ist, finde ich super spannend. und zwar scheinen sich die macher bewusst zu sein, dass sie sich ganz klar für eine täterzentrierte perspektive entschieden haben. sie versuchen das argument quasi in einem meta-kommentar in der serie (sowie meta-momo das in diesem text auch macht) zu entschärfen. allerdings – und das ist jetzt mein argument – machen sie dadurch alles nur noch schlimmer. weil sich di bascombe dazu entscheidet nicht auf ds frank zu hören und das in einer sehr dominanten weise macht, wird mir als zuschauerin klar gemacht, dass nicht auf die bedenken der frau gehört werden muss. ja in der folge wird auch klar, dass die männliche vorgehensweise tatsächlich effektiver ist. weil di bascombe hat recht behalten und nur durch seine (männliche) methode, wurde der entscheidende hinweis gefunden. ich finde diesen einen dialog so interessant, weil die serie an dieser stelle sehr viele wendungen hätte nehmen können, sich aber dazu entschieden wurde konsequent die männliche perspektive zu wählen. konsequenterweise folgt die kamera auch meistens di bascombe.
apropos männliche erzählweise: hab ich schon erwähnt, dass das drehbuch von zwei männern (jack thorne und stephen graham – jep, derselbe stephen graham der auch eddie spielt) geschrieben und von einem regisseur (philip barantini) verfilmt wurde? überraschend oder?
eine dritte feministische einschätzung: aber aber aber… reproduktion als stilmittel?
vielleicht vielleicht vielleicht könnte ich jetzt, wenn ich ganz nett wäre, dem film zugestehen, dass er sich dieser problematik bewusst ist und sie in kauf nimmt, weil er uns ja genau das aufzeigen will. aber erstens bin ich nicht nett (ich bin eine notorisch woke männerhasserin und kampflesbe, sorry leute…) und zweitens bezweifle ich aufgrund von drehbuchautor jack thornes öffentlichem auftreten, dass er genug bescheidenheit besitzt sich seiner eigenen beschränktheit bewusst zu sein. er hat zum beispiel öffentlich gefordert, dass die serie im britischen parlament gezeigt wird. so überzeugt scheint er also von der relevanz seiner arbeit zu sein.[20]natürlich hat ihm dann keir starmer prompt den gefallen getan – weil ja, thorne tritt öffentlich so auf, als sei er der einzige und erste, der sich überhaupt mit incel-kultur beschäftigt. ausserdem ist seine forderung auch klar. es geht ihm nicht um eine differenzierten umgang mit geschlechtsspezifischer gewalt. seine forderung an das parlament und keir starmer ist ganz eindeutig: ein verbot von sozialen medien für kinder unter 16.[21]
mein problem mit dieser forderung ist hauptsächlich, dass es wieder eine scape goat für ein viel komplexeres thema ist. ja klar, für männer ist es natürlich einfach zu sagen: soziale medien sind schuld daran, dass geschlechtsspezifische gewalt am zunehmen ist. und sicher ist das ein teil der antwort. aber es ist nicht die einzige antwort und ich find damit machen es sich die autoren auch ein bisschen zu einfach.
in diesem sinne: klar sind gewisse rollen und gewisse klischierte rollenbilder wohl absicht. dass eddie den schwamm nicht findet weil er nicht weiss wo das putzzeug ist und manda ihm helfen muss zu suchen – das ist obviously bewusst. geschenkt. aber die serie reproduziert so fucking viel misogynie, wie soll ich da wissen, wo die bewusste darstellung anfängt und die unbewusste reproduktion aufhört? und wieso soll ich jack thorne vertrauen (der öffentlich sagt, dass er in dem ganzen incel-stuff auch etwas «sehr attraktives» sehe – natürlich im kontext, dass er damit die gefahr davon betonen will, but still!) dass er da dann unterschiede für sich trennscharf hinkriegt? und selbst wenn das dreiergespann thorne, graham und barantini wirklich die heiligen drei feministen der neuzeit wären: wieso genau rechtfertigt dieser umstand eine serie, in denen wieder nur männer hauptrollen abkriegen?
weil ganz ehrlich: feminismus muss immer auch materieller natur sein. wenn männer in gut bezahlten jobs und lukrativen filmverträgen nice feministische filme machen, können sich all die fucking guten schauspieler:innen (wie z.b. fay marsay, fatima bojang, christine tremarco, erin doherty) die nicht für ihre leistung öffentlich gehypet wurden auch nichts kaufen. wenn du als mann misogynie reproduzierst das als feminismus verkaufst und dafür fame und geld bekommst, dann find ich das nicht gut – egal wie fest deine misogynie nur ein stilmittel war oder du «ja genau die misogynie aufzeigen wolltest». und dann kann mir auch nicht verkauft werden, dass der one-shot mehr als nur ein nice-to-have ist. one-shots zu drehen ist unfassbar geld und zeitaufwendig. ein one-shot zu drehen wirkt auf mich auch immer ein bisschen nach einem ego projekt – und ja, ist gut gelungen, geil. aber ihr hättet für das geld, dass ihr da reingesteckt habt einfach auch ein besseres drehbuch schreiben können. schon mal was von sensitivity reading gehört? ausserdem verunmöglicht der one-shot ja auch genau das, was dem film so dringend fehlt: die opferperspektive. wir wissen nichts (NICHTS! wir sehen einmal (!) ein foto…) über katie leonard – ausser dass sie wohl jamie gemobbt haben soll und selbst ebenfalls von mobbing betroffen gewesen zu sein scheint (also zweiteres wird nicht explizit so genannt. es wird nur erwähnt, dass bilder von katie kursiert sind, in denen ihre brüste zu sehen waren. wow.). that’s what we know. und wenn du dann für ein geiles stilmittel (weil dein ego es nicht erlaubt rückblenden einzubauen) eine figur nicht nur in der handlung sondern auch noch in der struktur der serie opferst, dann muss ich dir leider sagen, dass ich das nicht gut finden werde, egal wie viele gedanken du dir dazu gemacht hast. was die serie mit überlebenden von geschlechtsspezifischer gewalt macht, mag ich mir gar nicht ausdenken. und ich bin mir sehr sicher, dass die macher auch keinen gedanken daran verschwendet haben. die forderung, die serie in schulen zu zeigen ist, sorry to say, einfach nur arrogant. die serie endet dann auch treffenderweise damit, dass sich eddie mit den worten «i should have done better.» entschuldigt. natürlich nicht bei katie. sondern bei seinem sohn jamie. und natürlich auch nicht direkt bei ihm sondern im leeren kinderzimmer von jamie.
die heutige jugend – oder die hilflosigkeit von vätern
uiuiui nachdem ich mich also ein bisschen feministisch aufgeregt habe, möchte ich nun noch (ein wenig kürzer) beschreiben, weshalb mich die darstellung «der adoleszenz» in diesem machwerk ebenfalls ein wenig auf die palme bringt (so auf halbmast etwa). das ist der teil, der wohl besser von tatsächlichen jugendlichen geschrieben worden wäre, statt einer cringen[22]tante wie mir. weil genauso wie männer die über frauen reden meistens einfach unfassbar peinlich sind, ist es bei erwachsenen, die über die jugend reden wohl ähnlich. zumindestens war es so, damals, als ich noch jung war. aus den anfangs bereits dargestellten gründen, mach ich das jetzt einfach trotzdem. andere erlauben sich ja vierteilige serien darüber zu schreiben.
was ich ziemlich abstossend fand an diesem gesamten ding war die darstellung von schule. die lehrpersonen werden mehrheitlich als inkompetent oder überfordert oder beides dargestellt. das wird dann zwar wieder (meta-momo hat zugeschlagen) versucht einzufangen mit dem satz von ds frank: «there’ll be some good teachers in here and some good students.» aber das wirkt ehrlicherweise ein bisschen unbeholfen. die schüler:innen scheinen die inkompetenz der lehrpersonen zudem masslos auszunutzen. die ganze zeit wird über instagram gesprochen und bascombes sohn adam (gespielt von amari bacchus) muss seinem vater erklären, was die emojis genau bedeuten – der umgang mit den jugendlichen ist entweder überfordert, paternalistisch oder autoritär. wir springen wieder zum anfang des meta-talks dessen ende ich bereits vorher zitiert habe:
f: fucking hell.
b: yeah, fucking hell. hmm. [sighs] do you know what? i honestly… i just can’t stand this fucking place.
f: [chuckles] you wanted to come, mate.
b: yeah, I know, but… does it look like anyone’s learning anything in there to you? hmm? It just looks like a fucking holding pen. videos in every class. mr. malik just walking in and out when he wants. and you said it fucking smells.
f: it does fucking stink. all schools stink. just come here. just have a minute here. just get our head round this. [sighs] there’ll be some good teachers in here and some good students. my school was a bit like this.
b: well, how did you survive, then?
f: ‘cause i had a good teacher. i had mrs. benton, who was fucking class.
b: [chuckles]
f: she taught, um, art and photography. i liked drawing pictures and stuff.
b: mm. nice.
f: all kids really need is one thing that makes them feel okay about themselves.
und wirklich, die schüler:innen, sorry aber… als jade ryan schlägt stehen die anderen schüler:innen drumherum und fangen sofort an zu filmen. es wird gefühlt alle drei sekunden irgend ein:e schüler:in angeschrien, sie sollen das smartphone weglegen. ein schüler antwortet mrs. fenumore «shut up miss» als diese vorbeiläuft und sagt er solle zurück in die klasse gehen. uns wird gezeigt: schule ist chaos und alle sind überfordert, wie sie mit dieser handy-süchtigen generation umgehen soll. emily edlynn schreibt in «psychology today» dazu treffend
«the scenes illustrated the worst stereotypes of teenagers as out-of-control, disrespectful, and in need of adults to keep them in line. i caught at least two instances in the background of a teacher admonishing a student to “put away your phone”– a subtle hint at the source of the problem: phones are making teens feral, to the point of violence and anarchy. […] netflix’s adolescence furthers many of these stereotypes that teens are already struggling to overcome -- stereotypes that bring parents back to the natural conclusion that our teens need us to be more controlling. the message that teens need adults to be more controlling is not only false but harmful.»[23]
wie schon erwähnt, hat co-autor jack thorne dazu passenderweise auch eine eindimensionale antwort. mehr kontrolle. will heissen: social media ban. so ist es natürlich kein zufall, dass alle (!) hauptpersonen, denen die kamera jeweils folgt erwachsene sind und der fokus ganz klar auf den personen mit der jeweils grössten macht im raum liegt. in den ersten zwei episoden ist das (logischerweise) di bascombe (der selbst ebenfalls überforderter vater ist, wie wir erfahren) als vertreter der staatsgewalt. in der dritten episode ist es die psychologin (dazu gleich noch mehr, wait for it) und in der vierten ist es dann eddie miller, der vater vom täter höchstselbst. wenn wir die episode drei jetzt mal kurz ausklammern, liegt der fokus also ganz klar auf überforderten vätern, die ihre söhne nicht mehr verstehen. die reaktion darauf ist mehr kontrolle und – offensichtlich – stärkeres policing und (wie ich finde) ziemlich krasse polizeigewalt. ausserdem wird als lösung in episode zwei auch angeboten, dass di bascombe seinen sohn zum mittagessen einlädt und der sohn sogar selbst auswählen darf wohin. wow. such a good dad.
und ich möchte jetzt mal ganz ehrlich sein: ich hab schule immer gehasst und fand’s ganz schlimm und überhaupt. aber so wie schule in der folge gezeigt wird hab sogar ich den impuls schule zu verteidigen. und das will was heissen. ausserdem spricht die serie den schüler:innen jegliche individualität und autonomie ab. die schüler:innen werden als unkontrollierbare masse dargestellt und sind jetzt nicht unbedingt die identifikationsfiguren. weil das sind ja wie gesagt die überforderten dads.
ich kann nicht anders als aus dieser gesamten schul-sequenz zu folgern, dass es bei «adolescence» nicht um die tatsächliche adoleszenz geht – sondern um die erwachsene und evtl. auch extrem männliche angst vor der adoleszenz. und spannenderweise nicht mal nur die männliche angst vor der adoleszenz der eigenen söhne – sondern (wie durch die figur von jade stark versinnbildlicht wird) die angst davor, die eigenen kinder nicht (oder nicht mehr) zu verstehen. auch in diesem kontext wirkt es für mich ziemlich arrogant zu fordern, dass jugendliche diese serie unbedingt schauen sollen. ich würde wagen zu behaupten, dass die wenigsten jugendlichen in dieser serie etwas über die adoleszenz lernen, was sie nicht schon viel besser am eigenen leib erfahren und verstanden hätten. weil wie erläutert wirbt «adolescence» ja explizit nicht nach verständnis für jugendliche, sondern um verständnis mit den überforderten vätern – während sie gleichzeitig für stärkeres autoritäres durchgreifen (von männern) plädiert. nicht ohne zufall ist die vertreterin der schule, von der wir am meisten mitkriegen und die di bascombe und ds frank (und damit auch uns) mitnimmt auf ihrem gang durch die schule, die völlig überforderte mrs. fenumore.
ach ja und noch etwas, das mir wichtig ist zu betonen (bei dem ich vielleicht aber nicht unbedingt die geeignetste person bin zum drüber schreiben): auf mich wirkt die serie nach einer hauptsächlich weissen perspektive. einerseits sind regisseur und drehbuchautoren weisse männer und andererseits versucht die serie sehr fest jamies familie als «normal» zu konstruieren. «normal» scheint für die macher in dem kontext klar kleinbürgerlich, weiss und in einer weissen nachbarschaft lebend zu bedeuten. nebst di bascombe spielen Schwarze figuren und figuren of colour hauptsächlich in episode zwei (in der schule) eine rolle – und auch da ganz klar nur als nebenfiguren. wie gesagt: die schule ist fest mit chaos assoziert. es fällt mir schwer, hier nicht auch einen rassistischen unterton wahrzunehmen. episoden drei und vier haben sich dann mit einem ausnahmslos weissen cast vollständig davon verabschiedet auch nur den anschein erwecken zu wollen, Schwarze perspektiven mitzumeinen und konzentriert sich dann darauf, worum es der serie wohl von anfang an ging: die perspektive von weissen überforderten vätern.
und das ist dann wohl auch das eigentliche herzstück dieses essays: es geht in dieser serie um nichts anderes als die angst von weissen vätern vor der jugend bzw. der adoleszenz und vielleicht – so küchenpsychologisch erlaube ich mir hier zu sein – auch die angst vor der eigenen männlichkeit bzw. der sorge darüber, wer man selbst geworden wäre, wäre man mit «dem internet» aufgewachsen. das sagt by the way auch drehbuchautor jack thorne über den recherche prozess:
«i realised that if i was a teenage kid and i’d heard “80% of women are attracted to 20% of men so it’s your responsibility to manipulate the situation – so that you can live a normal live, so that you can feel attractive, so that you can be the person you wanna be” i would have found that very very… i would have gone with that. i would have been taken by it and so i would have listened what they were proposing. […] those ideas are everywhere. and we need to stop those ideas of getting into kids heads.»[24]
die serie so zu lesen, als ginge es um die radikalisierung von jungen männern ist meiner ansicht nach falsch. es geht ganz klar um den vater eddie obwohl er nicht die person mit der meisten screen-time ist. es geht um seine überforderung und seine hilflosigkeit – die ganze serie erzählt seine perspektive. weder jamie noch di bascombe sind die hauptpersonen der serie und das ist nicht nur meine persönliche meinung. auch die golden globes geben mir da recht. es haben zwar sowohl owen cooper (jamie) als auch stephen graham (eddie) haben beide golden globes gewonnen, während ashley walters (di bascombe) hingegen wurde hingegen mit keinem preis bedacht. allerdings hat stephen graham hat dabei als «bester männlicher darsteller (tv/serie)» einen award erhalten. owen cooper lediglich als «bester männlicher nebendarsteller (tv)». [25] mic drop.
die psychologin – frauen die weinen
so jetzt muss ich – obwohl der mic drop sich aus ästhetischen gründen gelohnt hat – das mikrofon wieder vom boden aufheben und nochmals eine ganze weile weitermachen. denn das wichtigste gegenargument, dass ich noch nicht aus dem weg geräumt habe ist, dass die psychologin briony ariston unglaublich gut gescriptet sei und eine weibliche perspektive und blablabla. ich möchte betonen, dass ich die schauspielerische leistung von erin doherty auch wirklich richtig richtig gut finde (sie hat verdienterweise dafür ebenfalls einen golden globe bekommen – als beste «weibliche nebendarstellerin (tv)»[26]) und es mir im folgenden nicht darum geht, sondern um die gesamtdarstellung. was ich bei di bascombe aufgrund meiner eigenen weissenperspektive nur vermuten kann (dass er die weisse fantasie einer Schwarzen perspektive ist), kann ich bei ariston mit bestimmtheit sagen: auf mich wirkt sie wie die männliche fantasie einer frau.
ihre rolle ist keine, in welcher es darum geht eine charakterentwicklung einer frau darzustellen, sondern vielmehr ist sie lediglich hilfsmittel um jamie besser zu verstehen. ein umstand den sie übrigens auch selbst mehrmals betont z.b. bei 32min45
ariston: this isn’t about me, jamie.
jamie: you don’t think you’re pretty?
a: i’m not the interesting person.
j: you don’t think you’re pretty? you do think I’m ugly?
a: I haven’t passed judgement on either of those things, if you think about it. for very good reason.
j: oh, for very good reason!
a: i want to understand you.
und das ist basically ihre gesamte rolle. weil es im kern dieser serie nicht um die perspektive von frauen geht sondern um die von weissen heterosexuellen cis-männern. es ist kein zufall, dass die einzige frau, die wir jemals als autoritär in einer konversation erleben diese erstens stets verteidigen muss (wobei jamie sehr laut, raumgreifend und eben «männlich» ist) und andererseits ganz klar die person ist, die für’s emotionale zuständig ist. die psychologin eben.
ok, aber wenigstens geht es dann in folge 3 wirklich drum, die «adoleszenz» bzw. at least die «männliche adoleszenz» zu verstehen oder? leider muss ich auch diese rhetorische frage enttäuschen – nö geht’s nicht. jamie (bzw. owen cooper als jamie) schafft es immer wieder, an die emotionen der zuschauenden zu appellieren, empathie zu schaffen und gerade episode 3 ist wirklich ein wechselbad der gefühle. aber erstens ist ein mörder vielleicht nicht unbedingt das beste beispiel um «die jugend» zu verstehen, wenn daneben keine weiteren spannenden figuren gezeigt werden, denen eine eigene charakterentwicklung zugestanden wird. und zweitens wird auch jamie in jeder einzelnen szene immer bevormundet. autonomie gleich null (vielleicht auch bedingt dadurch, dass er einen mord begangen hat, aber dann sind wir wieder bei erstens angelangt). was mich persönlich wirklich hart fertig gemacht hat, ist, dass in der unterhaltung mit der psychologin briony ariston– die ja eigentlich als eine art proxy erst ermöglichen soll, dass wir jamie verstehen – jamie ganz fundamentale (und ich würde behaupten in diesem kontext auch richtige) wahrnehmungen immer wieder abgesprochen werden. jamie fragt ariston im gesamten gespräch mehrmals, ob sie versucht ihn in etwas hineinzutricksen und ist sichtbar damit überfordert, was ihre rolle in dem ganzen ist. ariston reagiert darauf stets so, als würde sie mit total offenen karten spielen und versucht ihre rolle zu (er)klären. dass sie etwas anderes im sinn hat, als jamie zu verstehen, verneint sie jeweils. und auf die gefahr hin, jetzt gerade aus einer mücke einen elefanten zu machen: da liegt aus meiner sicht ein grosses missverständnis der gesamten folge. weil ihre rolle ist natürlich nicht alleine «jamie zu verstehen», sondern sie ist als forensische psychologin eingeladen worden, ein gerichtsgutachten über jamies psychopathologie zu erstellen. das ist erst mal ihre rolle. in dieser funktion stellt sie jamie durchaus auch suggestivfragen (bzw. fragen die ganz klar in eine richtung deuten, die eine vorannahme bereits mitformulieren) zum thema «männlichkeit» und seinem vater - was jamie auch bemerkt und anspricht. wir werden als zuschauende durch den gesamten dialog dazu ermuntert, jamies weltbild als misogyn zu entlarven. in der handlung ist ariston dazu da, ein gutachten zu erstellen. in der seriendramaturgie ist ariston allerdings dazu da, uns verstehen zu lassen, wie dieser als «normal» konstruierte knabe einen mord begehen konnte. mein punkt wäre aber, dass das erstens zwei völlig unterschiedliche dinge sind und das zweitens eine forensische psychologin die falsche figur ist, um «normalität» zu untersuchen. weil ja, ich bin in einem punkt team jamie: briony ariston stellt keine neutralen fragen und ist nicht einfach nur da um eine neutrale konversation mit jamie zu führen ohne jeden hintergedanken. defacto ist sie dazu angehalten, ihrer rolle als begutachterin gerecht zu werden und kann also gar nicht bedingungslos emotional involviert sein – was am schluss auch klar wird, als jamie sie fragt ob sie ihn mag und sie darauf keine antwort geben kann. in einem anderen moment erzählt jamie von zwei mädchen, deren bilder in der klasse herumgereicht wurden, worauf sich folgender dialog abspielt:
ariston: was katie one of those two girls?
jamie: what? how do you know that?
a: how did it feel…
j: no. how did you guess that?
a: i didn’t guess it. i asked it.
und gerade die letzte replik verwirrt mich total und unterstreicht gleichzeitig meinen punkt: die figur ariston ist so konstruiert, dass sie zwischen «in game» auftrag (gutachten schreiben) und «out game» auftrag (uns jamie verstehen lassen) hin und her switcht. weil ja: offensichtlich hat sie richtig geraten, dass es sich bei dem mädchen um katie handelt. weshalb sie abstreiten muss, dass sie geraten hat, erschliesst sich nur, wenn sie gleichzeitig den auftrag hat, keine eigene agenda zu haben und nur als vermittlerin für jamies emotionen zu funktionieren. gleichzeitig ist sie aber als psychologin, die ein gutachten schreiben soll, denkbar ungeeignet, weil es gerade ihr auftrag ist, abzuklopfen was bei jamie alles als «pathologisch» und damit als «nicht normal» gilt. wenn uns eine serie aber dazu anhält die hauptfigur aus der sicht einer forensischen psychologin zu verstehen, dann kann die serie nur scheitern im versuch eine blaupause für «die adoleszenz» zu machen. logischerweise kann aus einem solchen bild von jugend keine kritische und machtsensible sicht auf das patriarchat resultieren sondern nur der allgemeine ruf nach mehr kontrolle.
auch spannend find ich, welche rolle weinen in der serie spielt. in der ersten folge weint jamie mehrmals. aus überforderung, stress, schuld. schwierig zu sagen weshalb. diese facette von jamie scheint dann abgehandelt zu sein, wir sehen ihn nicht mehr weinen. ausserdem sehen wir viele frauen weinen. die psychologin briony ariston ganz am ende der dritten episode (natürlich erst als jamie den raum verlassen hat). die mutter manda miller in der vierten folge, die schwester lisa miller ebenfalls. und dann natürlich jade und mrs. bailey. jade weint frontal in die kamera um ihre beste freundin katie und mrs. bailey scheint im hintergrund auch zu weinen (aufgrund der kamera einstellung ist erst zu sehen, wie sie sich eine träne wegwischt, als jade aus dem raum stürmt). obwohl frauen ziemlich wenig zu sagen haben, ist ihre rolle in dem script ganz klar: uns den emotionalen part, den männer nicht auszufüllen vermögen trotzdem fühlen zu lassen. besonders krass finde ich persönlich:
kein einziger mann weint um das opfer. nie. höchstens jamie. aber er sagt im gleichen atemzug, dass er’s katie nicht umgebracht hat. also wahrscheinlich doch nicht wirklich.
tränenloser vater
aber moment momo, hast du da nicht etwas vergessen?
stimmt. ich würde es eher als dramaturgische auslassung bezeichnen – aber whatever. ich würde gerne nochmals kurz auf den schluss der serie eingehen und damit auch langsam zum schluss dieses essays kommen. davor muss ich aber nochmals kurz stephen graham dissen.
weil was ich ausgelassen habe: ok, der vater weint ganze zweimal. einmal als er und jamie mit dem beweisvideo konfrontiert werden. und dann nochmal ganz am schluss. dann gibt es noch so eine szene in der vierten episode, wo er so aussieht, als würde er gleich weinen – aber das ist nur der aufbau zur letzten szene, ausserdem sitzt ja daneben manda miller, die volles rohr am rotz und wasser heult. richtig gut. also ohne scheiss, vor kamera weinen ist echt schwierig und alle weiblichen schauspielerinnen im cast machen das krass gut – stephen graham als eddie miller eher nicht so. wir sehen keine einzige träne. keine einzige fucking träne. stattdessen wendet er stets den kopf von der kamera ab und vergräbt diesen wahlweise in seinen händen, jamies schultern oder jamies kopfkissen. sein kopf wird rot und er macht sehr angestrengte geräusche. meine theorie wäre: die rolle von eddie hätte dramaturgisch sinnvoll am schluss weinen sollen. der schauspieler stephen graham hat das nur leider nicht so ganz hingekriegt. normalerweise find ich es immer doof sich über die verschieden wein-fähigkeiten von schauspieler:innen auszulassen (und das obwohl ich eine zeitlang als wein-sommelière gearbeitet habe. lol.) aber wenn du co-autor von einer serie bist, die sich mit toxischer maskulinität auseinandersetzt, dann schreib dir halt keine rolle, in der du weinen sollst, wenn du’s nicht kannst.
besonders schmerzhaft finde ich die szene am ende von episode zwei, als eddie miller blumen für katie leonard zum tatort bringt und wir in grossaufnahme seine angespannten kiefermuskeln sehen. was uns das sagen will? hätte er auch hier weinen sollen? soll uns das sagen, dass er sich die tränen verkneift? keine ahnung. ich find’s ziemlich zynisch.
aufmerksamen leser:innen wird jetzt aufgefallen sein, dass ich erstaunlich wenig über incels geschrieben habe. weil die serie uns auch wirklich gar nichts über incels verrät. wir erfahren keine details darüber, wie radikalisierung abläuft und kriegen ein extrem verzerrtes bild von wie adoleszenz zu funktionieren scheint. ehrlich gesagt habe ich durch die serie wirklich nichts neues gelernt. und das ist genau der fehler.
dabei gäbe es echt genug (!) womit mann sich beschäftigen könnte. und auch über den antifeministischen backlash gibt es wirklich viel zu erzählen. z.b. dass in der schweiz das erste incel attentat festgestellt wurde[27]oder tatsächliches wissen darüber, wie radikalisierung funktioniert. [28]oder gute aufklärung was tatsächlich gegen geschlechtsspezifische gewalt helfen würde.[29]oder ein besser abgestütztes wissen, wie sehr die schweizer politik nicht in der lage ist, essenzielle massnahmen umzusetzen.[30]aber ich hätte sonst ein vorschlag: wir könnten einfach die sozialen medien für kinder unter 16 verbieten, falls das was hilft?
die meisten jugendlichen werden mehr über incels wissen, als die serie ihnen beibringen könnte. die meisten frauen wissen mehr über misogynie als ihnen diese serie beibringen kann. weil was soll die moral von der geschicht sein? geh mal mehr mit deinem sohn mittagessen? misogynie ist real? die incel bewegung und andrew tate sind nicht so cool? sorry, aber das habe ich davor gewusst. die serie krankt daran, dass drei weisse männer etwas herausgefunden haben, was für eine sehr beschränkte zielgruppe (weisse überforderte väter) etwas neues erhellendes ist. da bin ich natürlich ganz arg stolz auf sie. für mich war es eher verschwendete zeit. zumal ihr auch früher diese erkenntnisse hättet haben können, wenn ihr endlich einfach mal frauen und jugendlichen zuhören würdet. z.b. beim nächsten weihnachtsfest. aber klar, wenn es dazu vier technisch gut gemachte one-shots braucht, in denen männer kinder anschreien und frauen weinen, dann ist es das natürlich wert. aber wie gesagt: was mich so hart triggert ist nicht der inhalt der serie itself, sondern mit welcher audacity diese drei männer jetzt behaupten, dass unbedingt alle etwas aus dieser serie lernen sollen und andere männer das dann natürlich auch noch schlucken und eifrig weiterverbreiten.
aber für’s protokoll muss ich an dieser stelle selbstverständlich fordern, dass mein essay im britischen parlament besprochen wird. danach soll sich keir starmer dann bitte persönlich bei mir entschuldigen kommen – also nur wenn er sich traut, eine trans* frau nackt zu sehen.[31]ich geh mich jetzt nämlich bis zum ende meiner pubertät in der badewanne vom patriarchat erholen bis meine zehen schrumpelig werden.
[1] https://www.leilaofficial.com/#music
[2] https://www.who.int/health-topics/adolescent-health/#tab=tab_1 ; stand: 27.12.2025
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Jugend ; stand: 27.12.2025
[4] umweiss als politische priviligierte positionierung und konstruiertes zuordnungsmuster zu verdeutlichen habe ich es gem. https://www.amnesty.de/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache[stand: 28.12.2025] klein und kursiv geschrieben. mit Schwarz [Adjektiv mit grossem Anfangsbuchstaben] wird ebenfalls keine biologische eigenheit sondern die politisch konstruierte identität und die damit einhergehende marginalisierte positionierung beschrieben.
[5]bei allen informationen zu cast und figuren-namen stütze ich mich auf imdb: https://www.imdb.com/de/title/tt31806037/fullcredits/?ref_=tt_cst_sm; stand: 27.12.2025
[6]haha, als ob ich mich jemals ernsthaft versucht hätte zu beschränken.
[7] https://www.srf.ch/kultur/film-serien/neu-im-stream-13-jaehriger-toetet-schulkollegin-im-netflix-hit-adolescence ; stand: 27.12.2025
[8] https://funky.de/2025/04/09/netflix-serie-adolescence-das-opfer-im-schatten/ ; stand: 13.01.2026
[9]besonders schade finde ich das z.b. bei folgendem vielversprechenden artikel vom tagi, falls wer ein abo hat, darf mensch mir den auch gerne zuschicken: https://www.tagesanzeiger.ch/adolescence-wie-jugendliche-ueber-die-netflix-serie-denken-870389769539; stand: 27.11.2025
[10] https://www.bbc.co.uk/programmes/articles/4FJtWgGQ7QXFcZcKGzjdtkt/must-watch-reviews-adolescence ; stand: 27.12.2025
[11] https://www.welt.de/kultur/article255731490/Adolescence-Der-Horror-heute-Kind-zu-sein.html ; stand: 27.12.2025
[12] https://www.heldenderfreizeit.com/adolescence-kritik/ ; stand: 27.12.2025
[13] https://www.stern.de/kultur/tv/adolescence--fuenf-gruende--warum-uns-die-netflix-serie-alle-angeht-35562190.html ; stand: 27.12.2025
[14]auch kleinere und mit weniger ressourcen ausgestattete organisationen wie z.b. die australische organisation «let’s talk about x» die aufklärungsarbeit in schulen und an arbeitsplätzen macht hat eine ausführliche verteidigung von «adolescence» geschrieben ohne wirklich auf eine feministische kritik einzugehen: https://www.talkaboutx.org/post/adolescence-are-we-missing-the-point-a-deep-dive-into-netflix-s-controversial-series; stand: 27.12.2025
[15] https://www.bbc.com/news/articles/c62kyg00q71o ; stand: 27.12.2025
[16] https://taz.de/Neue-Netflix-Serie-Adolescence/!6074768/ ; stand: 27.12.2025
[17] https://www.bbc.com/news/articles/cx28neprdppo ; stand: 27.12.2025
[18] https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/bechdel-test ; stand: 27.12.2025
[19]ich habe mich bei der erstellung des transkripts an https://scrapsfromtheloft.com/tv-series/adolescence-s01e02-episode-2-transcript/ [stand: 27.12.2025] orientiert und die zitierte szene nachgehört und ergänzt bzw. korrigiert.
[20] «i want it to be shown in schools, i want it to be shown in parliament. it's crucial because this is only going to get worse.» jack thorne: https://www.bbc.com/news/articles/cz0328237k0o ; stand: 27.12.2025
[21] https://www.bbc.com/news/articles/c0egyyq1z47o ; stand: 27.12.2025
[22] https://www.youtube.com/shorts/7aonafIaymM; stand: 14.01.2026
[23] https://www.psychologytoday.com/us/blog/parenting-is-not-a-fad/202506/the-two-problems-with-netflixs-adolescence ; stand: 27.12.2025
[24] https://www.bbc.com/news/articles/c0egyyq1z47o; (transkribiert aus dem video) stand: 14.01.2026
[25] https://www.srf.ch/news/83-verleihung-one-battle-after-another-raeumt-bei-den-golden-globes-ab ; stand: 14.01.2026
[26] https://www.srf.ch/news/83-verleihung-one-battle-after-another-raeumt-bei-den-golden-globes-ab; stand: 14.01.2026
[27] https://www.srf.ch/news/schweiz/hass-auf-frauen-er-fuhr-los-um-zu-toeten ; stand: 28.12.2025
[28] https://www.srf.ch/audio/news-plus-hintergruende/alpha-boys-1-4-willkommen-in-der-manosphere?id=AUDI20251119_NR_0005 ; stand: 28.12.2025
[29] https://www.limmatverlag.ch/programm/titel/940-hast-du-nein-gesagt.html ; stand: 28.12.2025
[30] https://daslamm.ch/gefaehrlicher-pfusch-bei-der-nationalen-notrufnummer/ ; stand: 28.12.2025
[31] https://www.spiegel.de/ausland/grossbritannien-keir-starmer-haelt-trans-frauen-nicht-fuer-frauen-entgegen-frueherer-aussagen-a-594fcf3b-d4a1-4557-907a-ec7aee9222c0 ; stand: 28.12.2025